Beziehungsarbeit stärken - Ein Kommentar zu fünf Jahren Corona-Lockdown
Fünf Jahre ist es nun her, dass die Bilder von unzähligen Corona-Opfern in Bergamo und anderen italienischen Städten schockten. Fünf Jahre ist es nun her, dass die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer sehr eindringlichen Fernsehansprache den Ernst der Lage beschwor. In Bayern waren bereits tags zuvor die Schulen geschlossen worden. Und auch das Verbot der Feier von Gottesdiensten fiel unter die Kontaktbeschränkungen, die fortan unseren Alltag prägten. „Die Pandemie hat tiefe Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen“, sagte neulich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Nun mahnt er auch zur Corona-Aufarbeitung. Schließlich mussten wir oft in unserem allernächsten Umfeld erleben, wie die Corona-Maßnahmen unsere Gesellschaft spaltete.
Auch für die Kirchen bleibt die Pandemie nicht ohne Folgen: Pfarrer Daniel Wenzel aus dem nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg, der im Frühjahr 2020 ja als Hotspot der ersten Welle galt, sieht die Corona-Krise als Katalysator, der die Verweltlichungsprozesse in der katholischen Kirche beschleunigt hat. Während der Pandemie hätten, so der Pfarrer gegenüber katholisch.de, viele Menschen bemerkt, dass sie auf den Kirchenbesuch verzichten können. "Corona war sicherlich ein Punkt, wo viele Leute von heute auf morgen wegen der Infektionsgefahr nicht in die Kirche gehen durften. Ein paar Monate später haben sie sich dann gefragt, warum sie das überhaupt noch sollen. Als dann die Beschränkungen aufgehoben waren, haben sie gar nicht mehr damit angefangen", beschreibt Wenzel auf dem kirchlichen Nachrichtenportal das, was wir in den Pfarrgemeinden erlebten. An einigen Stellen haben die Menschen wieder ihren Weg zurück zum Gottesdienst gefunden, an vielen anderen Stellen aber nicht mehr.
Die Pandemie legte die Finger in unsere Wunden: Unsere Liturgie ist oft zu wenig alltagsrelevant und lebensnah. Die Rituale wirken leer und fremd. Predigt und Verkündigung sind abgehoben oder bedeutungslos. Moralische Ansprüche werden – gerade nach der Missbrauchskrise – als unglaubwürdig wahrgenommen. Kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begegnen wir ohnehin immer weniger persönlich.
Doch was entwickelte sich für ein Engagement in dieser Pandemie-Zeit, wie kreativ wurden viele Pfarrgemeinden, wie bemüht um Nähe und praktischer Hilfsbereitschaft waren manche Gruppen! Live-Streaming, Hilfsangebote für Menschen in Quarantäne, Tipps und Ideen für die Glaubenspraxis zuhause, Gebetsstationen in geöffneten Kirchen, Willkommensdienste am Kircheneingang, Gottesdienste im Autokino – das sind nur einige Initiativen, die sich vor Ort entwickelten. Es war eine herausfordernde, spannende Zeit in diesen Jahren 2020 bis 2023, aber die Kirchen zeigten durchaus: Wir können Krise! Wir können auf Menschen zugehen, auch wenn sie gerade nicht zu uns kommen können oder wollen. Aber es erfordert Kraftanstrengungen, Mut und Ideenreichtum. Wer kreativ ist, bleibt dran an den Menschen. Wer zu neuen Wegen bereit ist, wird von den Menschen wahrgenommen.
Natürlich war es problematisch, dass es den Kirchen zeitweise nicht möglich war, Hausbesuche vorzunehmen. Oder dass Seelsorgern die Türen zu Seniorenheimen versperrt blieben. Dass Menschen alleine und isoliert sterben mussten und die Kirchen nicht darauf drangen, sie besuchen und begleiten zu dürfen, ist eine schmerzhafte Erfahrung, aus der wir in unserer Gesellschaft dringend lernen sollten. Dagegen erscheinen die Klagen über Masken im Gottesdienst oder das Verbot des Gesangs in den Gotteshäusern beinahe schon als Kleinigkeit.
Dass Kirche ein lebendiges Beziehungsgeschehen ist, das nicht nur vom Vollzug bestimmter Rituale lebt, führte uns die Pandemie deutlich vor Augen. Corona zeigte uns auch, dass wir ein breites Verständnis von Sakramentalität entwickeln müssen, um Menschen in der Krise nahe zu sein: Meinem Gott kann und darf ich so vielen Situationen begegnen. Ich darf mich bei mir zuhause, unter freiem Himmel, in liebevollen Worten und Gesten, im Blick und in der Hilfe für den Schwachen und nicht nur beim Gottesdienst begegnen.
Wer also am Beziehungsnetz spart und nur auf liturgische Versorgung setzt, wird von den meisten Menschen nicht mehr wahrgenommen. Pastoral ist im Wesentlichen Beziehungsarbeit. Sie nimmt den Menschen in seiner Schwäche und Gebrechlichkeit, in seinen Sehnsüchten und Bedürfnissen wahr. Wer alleine auf die Heiligkeit von Ritualen setzt, wird am Ende nur mit einem kleinen „heiligen Rest“ vorliebnehmen können. Kirche lebt – gerade in Krisenzeiten – von der Gemeinschaft, von der Begeisterung und der Leidenschaft der Engagierten. Ihre Fantasie und Kreativität sind gefragt, ihre Begabungen und Fähigkeiten sind erwünscht, ihre Ideen und Konzepte sind unverzichtbar. Das müssen die Menschen spüren. Wir brauchen Austausch und Vernetzung, wertschätzende Kommunikation und ein aufmerksames Miteinander, Interesse für die Freuden und Sorgen der Leute, ein Verständnis für die Vielfalt in unserer Schöpfung und schließlich den Mut, Neues auszuprobieren. An der Beziehungsfähigkeit unserer Pastoral darf nicht gespart werden. Das muss man ernst nehmen, wenn man ernsthaft aus der Corona-Pandemie lernen will.
Dekanatsreferent Christian Schrödl, Neumarkt/Habsberg
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